Stellungnahme von Oliver Nickel zum Thema Rote Fahne

Der Streit geht weiter
Kreuz oder Fahne: Stellungnahmen von Historiker und "Blumen für Stukenbrock"
 
VON SABINE KUBENDORFF
 
Seit 1956
 
Schloß Holte-Stukenbrock. Es gibt kaum noch Überlebende des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326, die man fragen könnte, was sie denn nun auf der Spitze des Obelisken auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof sehen möchten: rote Fahne oder orthodoxes Kreuz. Aber die Angehörigen derer, die damals im Sennesand verscharrt worden sind. "Und für viele dieser Personen wird es nur schwer zu ertragen sein, dass ihre Toten wieder vor der roten Fahne mit Hammer und Sichel begraben sind."

Das ist die Einschätzung von Oliver Nickel, Leiter der Dokumentationsstätte Stalag 326, der oft Kontakt mit diesen Angehörigen hat. Er bezieht Stellung zu der Entscheidung, dass die Spitze des Obelisken wieder in den Originalzustand versetzt und das orthodoxe Kreuz, das 1956 angebracht worden war, durch die gläserne rote Fahne der Sowjetunion ersetzt wird. Sein Fazit: "Bei aller Wertschätzung gegenüber einigen Befürwortern, ich hatte in den vergangenen Jahren immer mal wieder das Gefühl, dass bestimmte Gründe pro roter Fahne nicht der wirklichen Intention und Motivation entsprachen. Zu viele geschichtswissenschaftliche und moralische Aspekte wurden in all den Jahren übergangen bzw. nicht ausführlich diskutiert." 

Und es wurmt ihn, dass zuletzt weder ein Vertreter der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock noch der Dokumentationsstätte in die Diskussion einbezogen worden sind. Im Juli 2006 war das noch der Fall, allerdings ging es damals nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie.

Das ist Protokollen zu entnehmen, die Hubert Kniesburges, Vorsitzender des Arbeitskreises "Blumen für Stukenbrock", der Neuen Westfälischen zur Verfügung gestellt hat. Vor sechs Jahren hatten sich die Botschaft der Russischen Föderation und die Orthodoxe Kirche auf den Austausch geeinigt. Um die Umsetzung zu besprechen, fand auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof ein Ortstermin statt, an dem für die Stadt Ordnungsamtsleiter Ferdinand Lakämper und für die Dokumentationsstätte Peter Müller teilgenommen haben. Und dann passierte nichts.

Bis "Blumen für Stukenbrock" im vergangenen Jahr an den Beschluss erinnerte, was einen Sturm der Empörung und eine Flut von Entgegnungen auslöste. Zuletzt unterstellte Hubert Kniesburges dem CDU-Vorsitzenden Klaus Dirks ("Verbeugen vor der roten Fahne? Niemals!") "vorgetäuschte oder tatsächliche Unkenntnis" und "mangelnde Sensibilität". 

Derartige Kritik versteht Historiker Oliver Nickel als Beleidigung all derer, die sich gegen die rote Fahne aussprechen. Sie würden diffamiert als Geschichtsrevisionisten, als Ewiggestrige, als Vertreter, die wohl noch immer in den Zeiten des Kalten Krieges leben. "Wären Mitarbeiter der Dokumentationsstätte und/oder Vorstandsmitglieder des Fördervereins als Berater mit einbezogen worden, wäre schon relativ früh und deutlich zu erkennen gewesen, dass nicht nur Klaus Dirks und die CDU Schloß Holte-Stukenbrock die rote Fahne mit Hammer und Sichel als Symbol für das menschenverachtende Stalin-Regime deuten. Sondern auch Vertreter anderer Parteien, auch aus Schloß Holte-Stukenbrock, politische Vertreter aus Russland bzw. Osteuropa, ehemalige Kriegsgefangene, Familienangehörige von sowjetischen Kriegstoten, Besucher aus Osteuropa und ebenfalls der Orthodoxen Kirche." Viele von ihnen würden mit der roten Fahne Terror, Leid, Schmerz und Verlust verbinden. "Und diese Stimmen und Meinungen hätten bei der Entscheidung berücksichtigt werden müssen."

Außerdem kritisiert Historiker Oliver Nickel die Entscheidung, drei orthodoxe Kreuze gegenüber dem Obelisken aufzustellen. "Warum mehrere?", fragt er. "Ich hoffe nicht, dass die Begründung darin liegt, dass befreite Kriegsgefangene angeblich, bevor sie die 36 Massengräber aushoben, die orthodoxen Kreuze aufgestellt hätten. Dies würde nicht den derzeitigen historischen Fakten entsprechen." Und wenn schon religiöse Zeichen, meint Oliver Nickel, dann auch islamische und buddhistische, denn unter den Kriegsgefangenen seien auch viele Moslems und Buddhisten gewesen.
 
Dokumenten Information
Copyright © Neue Westfälische 2012
Dokument erstellt am 09.07.2012 um 19:59:49 Uhr
Letzte Änderung am 09.07.2012 um 20:02:40 Uhr
 

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